Klassische Homöopathie bei Erkältungskrankheiten

Artikel erschienen in der Zeitschrift "naturel" Ausgabe Nr. 28 (2005)

Sobald die kalte Jahreszeit beginnt, stellen sich auch wieder zunehmend Erkältungen und fieberhafte Infekte ein. Betroffen sind oft Kinder deren Immunsystem noch nicht ausgereift ist und auch häufig ältere Menschen. Das muss man aber nicht hinnehmen, denn es gibt zahlreiche naturheilkundliche Behandlungsmethoden, die helfen Erkältungen vorzubeugen und den Viren und Bakterien im Winter zu trotzen.

Zu nennen sind beispielsweise das Schröpfen, Kneipp-Therapien, Eigenblutbehandlung und auch die kurgemäße Einnahme von Vitaminen, Mineralstoffen und Mitteln zur Immunstärkung.

Sollte man nicht ausreichend vorgebeugt haben und auch deshalb einen Infekt bekommen, ist davon abzuraten, ihn bereits im Beginnstadium mit chemischen Keulen wie beispielsweise Grippe- und Fiebermitteln oder Antibiotika zu unterdrücken, bevor Immunmechanismen anlaufen können und der Körper dabei auch seine Infektabwehr trainiert.

Es gibt einige homöopathische Mittel, die dafür sehr bewährt sind und die man auch als homöopathischer Laie problemlos unter Beachtung der homöopathischen Grundregeln anwenden kann. Hier einige Beispiele :

Bei plötzlichem und heftigem Beginn eines Infektes ist oft das erste Mittel der Wahl ACONITUM NAPELLUS (Blauer Sturmhut). Kennzeichnend für Aconitum ist der "stürmische Beginn" des Krankseins nach Einwirkung von scharfem, kalten Wind oder auch Folgen von Schreck oder Ärger. Häufig um Mitternacht oder bei Kindern oft nach Beendigung des Mittagsschlafes, treten diese Symptome auf. Charakteristisch sind die Blässe des Gesichts, aber auch Rötung im Liegen, die beim Aufrichten wieder in Blässe übergeht. Oft sieht man bei Kindern auch eine Rötung der linken Wange. Allgemein herrscht beim Patienten ängstliche Unruhe gesteigert bis hin zur Todesangst. Am Anfang fröstelt der Patient. Dabei hat er eine heiße, trockene Haut im Gesicht und am Körper. Dabei sind oft die Füße und Hände kalt. Der Puls ist schnell und er fühlt sich kräftig und hart an. Die Erkrankung ist noch nicht auf ein Organ lokalisiert aber ein kurzer, trockener Husten oder eine pfeifende Einatmung sind oft beobachtet worden. So ist auch verständlich, dass Aconitum durchaus ein Kinder-Notfallmittel bei dem berüchtigten Pseudo-Krupp-Anfall sein kann. Man sollte Aconitum D6 einmalig 5 Globuli einnehmen und kann die Anwendung in Abständen von 30 min 4-6 mal wiederholen bis sich eine Veränderung des Zustandes zeigt, dann ist es sofort abzusetzen. In sehr schlimmen Fällen kann man einmalig eine Potenz C30 3 Globuli verabreichen und weitere 5 Globuli in einem Wasserglas mit einem Plastiklöffel "verkleppern", d.h. unter Rühren und Schlagen mit dem Löffel auflösen und dann schluck- oder löffelweise ebenfalls bis zur Ãnderung des Zustandes über einen Tag hin verteilt einnehmen.

Ein weiteres Mittel, dass man unter Beachtung andererer verschiedener Begleitsymtome zu Beginn einer Erkältung einsetzen kann ist BELLADONNA (Tollkirsche). Charakteristisch für dieses Mittel ist die oft hochrote, schweissige Haut v.a. im Gesicht, geweitete Pupillen (Atropin) und klopfende Empfindungen, z.B. klopfende Kopfschmerzen, klopfende Halsschlagadern. Der Puls ist kräftig und hart wie bei Aconitum. Dampfender Schweiss im Bett, beim Aufdecken frostig, der Patient will oft zugedeckt bleiben und ist sehr durstig, denn Atropin, der Wirkstoff der Tollkirsche macht trockene Schleimhäute. Die Kopfschmerzen, die bei der Erkältung auftreten können, verstärken sich durch geringste Erschütterungen oder Bücken. Alle Schleimhäute in Mund, Rachen und Nase sind kräftig gerötet, oft ist ein krampfhaft klingender Reizhusten dabei, der aus dem Kehlkopf stammt. Belladonna folgt oft gut auf Aconitum, wenn das Schwitzen beginnt. Dosieren sollte man wie bei Aconitum bereits angegeben.

 

Beginnt ein Infekt allmählich, findet man oft die Symptomatik von Ferrum phosphoricum, Gelsemium oder Eupatorium.

FERRUM PHOSPHORICUM (Eisenphosphat) ist ein Fiebermittel bei rasch erschöpften Menschen mit geringer Abwehrkraft und Neigung zu Nasenbluten und Mittelohrentzündung. Man sieht häufig im inneren Augenwinkel einen dunklen, bläulich-schwärzlichen Schatten an der Nasenwurzel, dass in der Antlitzdiagnostik auch ein Hinweis für einen Eisenmangel ist. Der Beginn des Infektes ist hier nicht so dramatisch wie bei Aconitum oder Belladonna. Es fehlt die Unruhe und Angst von Aconit und die intensive Röte von Belladonna. Das Gesicht des Patienten ist oft abwechselnd rot und blass, der Puls ist schnell, schwach, weich und leicht unterdrückbar. Oft schlägt sich ein solcher Infekt am Mittelohr nieder. Die Beschwerden sind schlimmer nachts und seitenbetont. Die betroffene Körperseite ist dann auch stärker gerötet als die andere. Wenn Husten auftritt, dann häufig krampfhaft und kaum Auswurf fördernd. Außerdem klagt der Patient häufig über ein trockenes, kitzelndes Gefühl im Halsbereich. Als Dosierung ist eine Potenz D6 empfehlenswert, mehrere kleine Gaben mit je 5 Globuli oder auch Verklepperung im Wasserglas wie oben beschrieben bis sich eine Änderung des Zustandes einstellt. Diese Dosierangaben gelten auch für die nun folgenden weiteren Mittel.

Wenn der Infekt mit Fieber, Frösteln, zittriger Schwäche und Benommenheit beginnt, ist GELSEMIUM (Gelber Jasmin) das Mittel der Wahl. Am Anfang laufen Kälteschauer den Rücken herauf und herunter. Oft ist dabei auch starkes Zittern und Zähneklappern, welches so ausgeprägt sein kann, dass es der Patient als wohltuend empfindet, wenn er festgehalten wird. Die Ursache des Infektes ist oft eine Abkühlung, die dem Beginn der Krankheitserscheinungen 1-2 Tage vorausgegangen ist. Das Gesicht es Patienten ist oft dunkelrot, dadurch kann man es möglicherweise als einen Belladonna-Zustand fehldeuten, da auch ein ausgeprägtes Durstgefühl beim Patienten vorhanden ist. Jedoch ist das Schwitzen und der kräftige Puls nicht so ausgeprägt wie bei Belladonna. Oft entsteht auch schnell ein wässriger, brennender Fliesschnupfen, eine Kehlkopfreizung mit Schluckbeschwerden oder eine Bronchitis mit geringem Auswurf.

Wer kennt nicht die Gliederschmerzen und das Zerschlagenheitsgefühl bei einem grippalen Infekt? Alles tut weh, man fühlt sich nur noch elend, die Knochen fühlen sich wie verrenkt an. Schmerzhafter Husten, bei dessen Anfällen man sich den Brustkorb halten muss und dann noch berstende, klopfende Kopfschmerzen sind angesagt. Dann sollte man zu EUPATORIUM PERFOLIATUM (Wasserhanf) greifen. Auffallend ist bei diesem Mittel, außer dem charakteristischen Zerschlagenheitsgefühl, eine Umkehrung des Fiebers. Nicht wie typischerweise bei den anderen Mitteln nachts, sondern morgens zwischen 7-9Uhr erreicht das Fieber seinen Höhepunkt. Der Patient hat großen Durst auf kaltes Wasser bevor er beginnt zu frieren. Am schlimmsten ist der Frost nachts und am Morgen, wenn ihm nicht mehr kalt ist, kann man oft galleartiges Erbrechen und eine druckempfindliche Lebergegend beobachten. Im Laufe des Tages ist ihm heiss, jedoch entwickelt er kaum Schweiß. Erst wenn der Schweiß kommt, bessert sich auch sein Allgemeinzustand. Sein Gesicht ist heiss und gerötet, der Puls ist mäßig beschleunigt und fühlt sich weich an.

Ganz allgemein zur Vorbeugung oder auch zur Unterstützung bei bestehenden Infekten kann man sich mit der regelmäßigen Einnahme von ECHINACEA ANGUSTIFOLIA (schmalblättriger Sonnenhut; Kegelblume) wieder auf Vordermann bringen. Es ist nicht erst seit Hahnemann bekannt, dass der Saft dieser Pflanze eine stärkende Wirkung auf das Immunsystem des Körpers hat. Interessanterweise findet sich im Arzneimittelbild außer allgemein bekannter Abwehrschwäche, Abgeschlagenheit u.s.w. auch ein als übelriechend beschriebener Geruch aller Körpersäfte und Ausdünstungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine mangelnde Entgiftungsfähigkeit des Körpers zurückzuführen sind. Das dies ursächlich mit einem schlecht funktionierenden Immunsystem im Zusammenhang stehen muss, dürfte vielen klar sein.

Im Krankheitsfall sollte man das Mittel als eine Urtinktur oder bis zur Potenz D3 als Tropfen drei bis sechsmal täglich 5-15 Tropfen einnehmen.

Abschließend an dieser Stelle soll an den Grundsatz erinnert werden, dass man im Zweifelsfall lieber auf Selbstversuche verzichtet, um unliebsame Arzneimittelwirkungen zu vermeiden. Um generelle oder jahreszeitabhängige Beschwerden zu therapieren ist eher der Weg zum erfahrenen Arzt oder Heilpraktiker angeraten, der sich nicht nur mit der Wahl des richtigen Mittels, sondern auch mit der angeratenen Dosierung auskennen wird.

Quellennachweis: G. Köhler "Lehrbuch der Klassischen Homöopathie Band II"