Erschöpfung- und Müdigkeitssyndrom - homöopathisch behandelt

Artikel erschienen in der Zeitschrift naturel Heft 31 (2006)

Es ist Tatsache, dass doch vorwiegend Frauen homöopathische Praxen aufsuchen, um Linderung für ihre Probleme zu erfahren. Sie gehen, aus meiner Erfahrung heraus, viel offener und ehrlicher mit ihren Beschwerden um und nehmen oft viel bewusster ihren Körper wahr. Sie geben eher als Männer zu, wenn sie ihre Belastungsgrenzen erreicht haben und Erschöpfung und Müdigkeit vorherrschen, obwohl letztere doch viel mehr gesundheitlich gefährdet sind, da ihnen die "Schutzhormone", die "Frau" hat, in ausreichender Menge fehlen.

Erschöpfung und Müdigkeit ist meistens auf Schlafmangel, Stress und Überarbeitung zurück zu führen. Oft folgt sie auch einem seelischen oder körperlichen Trauma, etwa einer Operation, einer Entbindung oder dem Tod eines geliebten Menschen.

Unvergessen bleibt mir der Fall einer jungen Frau, die völlig körperlich entkräftet war. Sie lag schon mehrere Wochen zu Hause und war weder in der Lage, ihr damals einjähriges Kind zu betreuen und zu versorgen, noch ihren Haushalt zu führen. Ihr war ständig schwindlig, sie nahm zunehmend mehr ab und kam letztendlich vor Schwäche kaum noch aus dem Bett. Der  besorgte Ehemann brachte sie in meine Praxis, nachdem organisch keine Ursache ermittelt werden konnte und die Ärzte ratlos waren. Nach einer intensiven Behandlung mit dem zu ihr passenden homöopathischen Konstitutionsmittel und der Gabe von speziellen Vitamin- und Mineralstoffpräparaten war sie innerhalb von 2 Wochen wieder richtig auf den Beinen.

Müdigkeit und Erschöpfung ist oft ein Ausdruck dafür, dass Stoffwechsel- und Hormongleichgewicht gestört sind, wie etwa beim prämenstruellen Syndrom oder in den Wechseljahren. Es kann gleichzeitig ein Zeichen dafür sein, dass mit dem Immunsystem etwas nicht in Ordnung ist. So kann zu Beispiel eine larvierte (verdeckte) Nahrungsmittelunverträglichkeit vorliegen, besonders häufig wird Weizen und Kuhmilch nicht vertragen. Erschöpfung ist darüber hinaus eine geläufige Nebenwirkung vieler Medikamente,  sowie des Rauchens oder Alkoholkonsums. Auch zuviel Koffein und eine Überdosierung mit Vitamin A kann in kausalem Zusammenhang mit derartigen Schwächezuständen stehen. Schwäche und Antriebslosigkeit findet man ebenfalls als  Leitsymptom für depressive Verstimmungen.

Anhand dieser Beispiele von möglichen Ursachen sieht man, dass das Müdigkeits- und Schwächesyndrom durchaus eine ernstzunehmende und behandlungsbedürftige Störung ist. Was kann man dagegen tun?

Als erstes sollten Sie sich ggf. einer fachärztlichen Untersuchung unterziehen um schwerwiegende Erkrankungen wie Krebs, Autoimmunerkrankungen etc. als Ursache ausschließen zu können. Es obliegt der Sorgfaltspflicht eines jeden therapeutisch arbeitenden Menschen, solch eine Empfehlung auszusprechen, vor allen Dingen dann, wenn genauere diagnostische Möglichkeiten in der Praxis nicht vorhanden sind. Erst dann kann und darf man aus meiner Sicht homöopathisch behandeln. Natürlich kommt es in der Homöopathie nicht auf die Diagnose an, sondern es werden Heilmittel eingesetzt, die der Gesamtheit des Kranken am nächsten kommen, sogen. Simile (lt. Ähnlichkeitsgesetz). Aber auch Homöopathie ist kein Allheilmittel und hat in gewisser Weise seine Grenze. Diese Grenze ist die Lebenskraft des Kranken. Ist diese zu sehr gestört oder zu schwach, kann auch ein gut gewähltes homöopathisches Mittel einmal seinen direkten Dienst versagen. Diese Thematik wurde schon gut und ausführlich in vorherigen Ausgaben behandelt.

Der zweite Schritt bedeutet dann, die möglichen Ursachen auszuschalten. Nehmen Sie Urlaub oder anderweitig frei, wenn Sie übermüdet sind, gehen Sie früher als sonst ins Bett, versuchen Sie regelmäßig einen kurzen Mittagsschlaf zu halten etc., versuchen Sie ganz einfach, die Stressfaktoren auszuschalten.

Nun möchte ich in Kurzform einige mögliche homöopathische Mittel vorstellen, die für die Behandlung von Müdigkeits-und Erschöpfungssymptomen in Frage kommen könnten

Schwächezustände am Morgen, Muskel- und geistige Schwäche mit vermehrtem Schwitzen. Erschöpfung nach Schwangerschaft. Die Schwäche verschlimmert sich bei Kälte sowie kurz vor der Menstruation, extremes inneres Kältegefühl, Neigung zu Gewichtszunahme.

Morgendliche Müdigkeit, Erschöpfung in der Schwangerschaft oder nach Entbindung, Appetitverlust und Magen-Darm-Probleme, prämenstruell (vor der Periode) schmerzende Brüste und Gebärmutter, schwere Monatsblutungen, Neigung zu Wassereinlagerungen und Übergewicht vor allem nach dem Genuss von Brot.

allgemeine Erschöpfung die sich unter Stress noch mehr verschlimmert, Schwächegefühl morgens und Mattigkeit abends, tagsüber Formtief gegen 11Uhr, oft Rückenschmerzen, Hautprobleme wie Ekzeme oder Dermatitis, Hunger verschlimmert die Symptomatik, ebenfalls Neigung zu Übergewicht.

morgendliches und abendliches Schwächegefühl, das sich durch Bewegung / Gymnastik bessert. Erschöpfung während einer Schwangerschaft verbunden mit dem Gefühl, dass alles nach untern drückt oder herausfallen könnte. Neigung zu chronischer Blasenentzündung, unregelmäßige Menstruation mit recht ausgeprägtem prämenstruellen Syndrom. Kälte verschlechtert die Beschwerden. 

Schwächegefühl am Abend, Erschöpfung während der Schwangerschaft und nach Entbindung verbunden mit starkem Libidoverlust, Schwindelgefühl, Konzentrationsmangel. Die Beschwerden verstärken sich bei Kälte, in warmen Räumen besser, deutliches inneres Kältegefühl, Verschlimmerung nach Brotgenuss.

Erschöpfung, die morgens am schlimmsten ist und sich auch während einer Schwangerschaft verschlimmert. Man fühlt sich wie benebelt oder neben sich stehend. Konzentrationsmangel, Haarausfall und Kopfschmerzen durch Stress oder vor Menstruation, schwere Monatsblutung, sehr kalte Hände und Füße.  

Eine Differenzierung der Mittel ist für einen Laien schwer möglich, weil diese Kurzbeschreibungen nur einen Auszug aus den vielfältigen Wirkungen der Mittel darstellen und  es außerdem viele Parallelen unter den Mitteln gibt. Ohne das dazu gehörige Grundlagenwissen gelingt die erfolgreiche Mittelwahl oft mehr zufällig. Natürlich kann man sich bei falscher Handhabung durchaus auch einigen Schaden zufügen.

Fazit: wenn Sie sicher sind bzw. gar Ihr Konstitutionsmittel unter den genannten dabei ist, dann nehmen Sie Ihr Mittel wie gewohnt ein und beobachten die Wirkung. Sollten diese ausbleiben, sollten Sie nicht weiter „experimentieren“ und sich doch besser in fachkundige Hände zu einem Homöopathen Ihres Vertrauens begeben.

Quellennachweise:
G. Köhler "Lehrbuch der Homöopathie"
A. Lockie "Homöopathie für Frauen"Â